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PRESSESPIEGEL

 

 

Alles Familie

 

In der Juniausgabe des Schlingels beschäftigt sich das Titelthema Alles Familie mit Regenbogenfamilien, Adoption und Queerkids.


Schlingel Heft 5, Juni 2014

 

Adoptionsrecht Homosexueller gestärkt

Karlsruhe/Leipzig (AFP/sas). Das Bundesverfassungsgericht hat erneut die Rechte homosexueller Paare gestärkt. Leben Schwule oder Lesben in einer eingetragenen Partnerschaft, dürfen sie nun auch ein von ihrem Partner zuvor angenommenes Kind adoptieren. Die Verfassungshüter verwiesen zur Begründung auf das vom Grundgesetz garantierte Gleichheitsgebot.

„Das Urteil ist die logische Konsequenz aus den jüngsten rechtlichen Entwicklungen und ein weiterer Schritt, um Diskriminierung abzubauen", sagte Susanne Hampe von den Queerkids Leipzig. Die Entscheidung führe hoffentlich dazu, dass es Homosexuelle künftig leichter haben, ihren Wunsch, Eltern zu werden, zu erfüllen.


Leipziger Volkszeitung, 20. Februar 2013




Mutter, Mutter, Kind

 1. Internationaler Tag der Regenbogenfamilien: Ein lesbisches Paar aus Leipzig erzählt

 „Du hast zwei Mamas, das ist ja toll.“ Taminos Freunde sind manchmal regelrecht neidisch. Dort, wo der eigene Vater nur selten zu Hause ist, ist die Vorstellung von der doppelten Mutter eine traumhafte. Für Tamino ist dieser Kinderwunsch nach Nähe Alltag, Normalität. Bei anderen, meist Erwachsenen, sorgt er - noch immer - für Irritation.

 Der kleine Blondschopf spielt vergnügt in seinem Zimmer. Mit Mama Bilderbuch anschauen, mit Mami Ball spielen. Tamino wächst in einer so genannten Regenbogenfamilie auf: Seine Eltern sind ein gleichgeschlechtliches Paar. Katharina und Regina leben seit sechs Jahren zusammen, seit einigen Wochen sind sie im Rahmen einer eingetragenen Lebenspartnerschaft verheiratet. Ihr nun zweieinhalbjähriger Sohn ist durch eine Samenspende entstanden.

Homosexuelle Paare mit Kinderwunsch stehen dabei oftmals vor erheblichen Schwierigkeiten, nicht nur biologisch, sondern auch rechtlich. So können sie zum Beispiel gemäss eines Beschlusses der Bundesärztekammer nicht auf ärztliche Unterstützung im Rahmen einer künstlichen Befruchtung zählen. Vielmehr muss ein Samenspender, eine Leihmutter gefunden werden. Das kann jemand aus dem Freundeskreis oder auch eine Spende von einer Samenbank sein. Eine Befruchtung ist schliesslich ohne unmittelbaren körperlichen Kontakt und Hilfe anderer möglich, beispielsweise über die Bechermethode, bei der das Sperma mit einer Spritze in die Scheide eingeführt wird.

Als Katharina und Regina ihren Familien verkündeten, Nachwuchs zu bekommen, war die Freude gross. „Aber im Nachhinein tauchten Fragen auf, nach der Entstehung, nach dem Aufwachsen“, erzählt die 32-jährige Katharina, die leibliche Mutter von Tamino. Um ihren Angehörigen etwas an die Hand zu geben, haben sie einen persönlichen Wegweiser erstellt, ein Frage-Antwort-Heft, das auch den gängigen Klischees begegnet. Sie wollten ihre Familien nicht alleine lassen, wenn Nachbarn oder Arbeitskollegen nach dem Leben der Töchter fragen, irritiert nachhaken. „Wir sind natürlich keine Männer-Hasser und Studien belegen, dass Kinder auch bei gleichgeschlechtlichen Paaren gesund aufwachsen können“, stellt Regina, die Co-Mutter, heraus.

Mit solchen Vorurteilen hatten die Polizistin und Gesangspädagogin bislang selbst nicht zu kämpfen. Das führen sie auf ihre Offenheit zurück. „Spätestens, wenn man ein gemeinsames Kind hat, kann man seine Lebensweise ohnehin nicht mehr verheimlichen.“ Oft begegnet man ihnen also mit Neugier, insbesondere Kinder fragen direkt. Skeptisch sind am ehesten Männer, die sich aus ihrer angestammten Rolle verdrängt sehen.

Typisch, sagt Susanne Hampe von den Leipziger queerkids, einer offenen Gruppe für Lesben und Schwule mit Kinderwunsch. Offene Diskriminierung sei inzwischen eher selten, die Traditionalisten blieben mit ihrer Meinung eher im Verborgenen. Nichtsdestotrotz seien gleichgeschlechtliche Elternpaare weit von einer Gleichstellung mit Heterosexuellen entfernt. Dagegen richtet sich auch der Appell des Lesben- und Schwulenverbandes zum 1. Internationalen Tag der Regenbogenfamilien am morgigen Sonntag.

So ist zum Beispiel die 43-jährige Regina bislang rein rechtlich nicht als Mutter Taminos anerkannt. Nach Eintragung ihrer Lebenspartnerschaft hat sie nun die Adoption beantragt. Die Quasi-Vaterrolle hat sie für sich eh schon angenommen. „Katharina und ich sind so unterschiedlich, dass Tamino auf jeden Fall verschiedenen Einflüssen ausgesetzt ist. Ausserdem legen wir Wert darauf, dass er auch Kontakt zu Männern hat.“ Bewusst haben sich die beiden also für einen Patenonkel entschieden, wünschen sich für den Besuch des Kindergartens ab dem Winter einen Erzieher im Team.

Das wird auch die Zeit sein, vielmehr wohl noch ab Schulbeginn, in der Tamino erstmals bewusst auffallen wird, dass seine Eltern sich von anderen unterscheiden. „Oberste Prämisse ist für uns, immer ehrlich zu sein. Darüber hinaus wollen wir ihm, wenn es so weit ist, Sätze an die Hand geben, wie er auf Vorurteile, dumme Sprüche, reagieren kann. Am wichtigsten ist uns, dass er dann zu uns kommt.“ Auch auf die Frage nach dem leiblichen Vater, mit der die beiden spätestens in der Pubertät rechnen, haben sie sich schon vor der Schwangerschaft eingestellt. „Bedingung für den Samenspender war, dass er sich vorstellen kann, dem Kind einmal zu begegnen.“  Insa van den Berg


Leipziger Volkszeitung, 5. Mai 2012




Frauenkultur - Familientag mit Queerkids 

Wie sage ich es meinem Kind? - Diese Frage steht im Mittelpunkt des dritten Familientags der Leipziger Gruppe Queerkids am 19. Juni. Lesben und Schwule mit Kindern oder Kinderwunsch sowie alle Interessierten sind dazu ab 13 Uhr in das Domizil der Leipziger Frauenkultur, Windscheidstrasse 51, eingeladen.

Die Diplom-Sozialarbeiterin und Therapeutin Angela Greib wird in einem Workshop Möglichkeiten aufzeigen, die es den Kindern in homosexuellen Beziehungen erleichtern, ihre Familiensituation zu verstehen. Je selbstverständlicher ihnen ihre Lebensgeschichte und ihr Alltag sind, meint Greib, umso souveräner könnten sie Fragen beantworten, Freunde einladen und sich in der Gesellschaft behaupten. Während des Workshops von 14 bis 17 Uhr wird vor Ort für eine Kinderbetreuung gesorgt. Im Anschluss bleibt bei einem Grillabend Zeit für einen weiteren Erfahrungsaustausch. Der Unkostenbeitrag beträgt 3 Euro.

Queerkids versteht sich als offene Gruppe für Lesben und Schwule mit Kindern und Kinderwunsch. Sie bietet in Leipzig und anderen sächsischen Städten eine Plattform für Informationen, Beratungen und Erfahrungsaustausch. Mit monatlichen Treffen sowie weiteren Aktionen und Projekten sollen ein Netzwerk für alle Interessierten geschaffen sowie die Akzeptanz und die rechtlichen Rahmenbedingungen für Regenbogenfamilien verbessert werden. r.

i Anmeldung zum Workshop sollten per E-Mail an susanne@queerkids.de geschickt werden.
Weitere Informationen unter www.queerkids.de

Leipziger Volkszeitung, 11. Juni 2011

 

 

 


„Schrill und bunt - na und?“

Homosexuelle feiern Christopher Street Day

So schrill und bunt ist Leipzig nur einmal im Jahr zu sehen: zum Christopher Street Day (CSD).  Am Sonnabend war er Höhepunkt der vergangenen CSD-Tage, die nach Aussagen von Organisationsleiter Ralf Grosse so erfolgreich waren wie noch nie.

2000 Homosexuelle, angereist aus allen Teilen Deutschlands, zogen am Nachmittag vom Nikolaikirchhof durch die Innenstadt und am Neuen Rathaus vorbei - und erregten Aufmerksamkeit. „Bei allen Veranstaltungen hatten wir ungefähr doppelt so viele Besucher wie in den vergangenen Jahren“, sagt Gro§e zufrieden.

Das Motto des diesjährigen CSD „Homophobie ist heilbar“ war eine klare Aufforderung der Lesben und Schwulen, verschiedene Lebensweisen  zu akzeptieren. „Es ist doch völlig egal, wen man liebt“, sagt Stefanie. „Wir tolerieren es doch auch, wenn Männer Frauen lieben und umgekehrt. Aber man soll uns so leben lassen, wie wir das wollen.“

Für Maria ist der CSD ein äusserst wichtiger Tag, denn nur „wenn wir viele sind und gemeinsam feiern, sehen andere, dass wir auch ganz normal sind, egal, welche sexuelle Vorlieben wir haben“. Passend zum CSD hatte sie sich die Haare gefärbt: in den für die Bewegung typischen Regenbogenfarben.

Dass die Menschen dennoch in den letzten Jahren Homosexuellen gegenüber aufgeschlossener geworden sind, ist für Stefan erfreulich. Der 22-Jährige ist ein Wundervogel: 15 Zentimeter hohe Plateauschuhe, ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Ich will mich verlieben“ und eine quietschgelbe Sonnenbrille machen aus ihm das, was er sein will: „Schrill und bunt - na und?“. Akzeptiert wird er mittlerweile in seinem gesamten Umfeld. „Der Umgang mit uns ist viel lockerer geworden“, erklärt er dazu.

Das hat auch Ralf König erkannt. Der bekannte Comiczeichner aus Köln („Der bewegte Mann“, „Konrad und Paul“) war in diesem Jahr Schirmherr des CSD. Doch die Akzeptanz war ein hartes Stück Arbeit: „Die Entspannung fällt nicht vom Himmel, wir mussten und müssen etwas dafür tun.“ Die Demonstration durch die Innenstadt zeige „wie viele und wie vielfältig wir sind“. Heteros waren auch willkommen, entweder zum Mitfeiern oder zumindest zum „freundlichen Winken“.

Doch am Sonnabend ging es den Homosexuellen nicht nur darum, sich zu zeigen, sondern auch um Aufklärung und Information. Unter anderem war die Gruppe „Queerkids“ mit einem Stand auf dem Nikolaikirchhof vertreten. Der Zusammenschluss von Lesben und Schwulen mit Kindern oder Kinderwunsch versteht sich als Plattform für Homosexuelle, die mit Kindern zusammenleben wollen und sich eigene wünschen. „Wir wollen die Akzeptanz und die rechtlichen Rahmenbedingungen für Regenbogenfamilien verbessern“, sagt Gründerin Isabelle Wey.

Auch in anderen Bereichen muss noch einiges passieren, bis Homosexuelle vollkommen gleichgestellt sind. Bürgermeister Heiko Rosenthal (Linke) versprach, sich intensiv im Sportbereich darum zu kümmern, dass Homophobie keine Chance mehr hat.  Julia Tonne

Leipziger Volkszeitung, 19. Juli 2010

 

 


Mama, Mami, Kind

„Familie ist, wo Kinder sind“ ist das Motto einer Plakataktion für die Gleichstellung von schwulen und lesbischen Paaren mit Kindern, den so genannten Regenbogenfamilien. Experten gehen von über einer halben Million Familien der etwas anderen Art in Deutschland aus, Fachzeitschriften sprechen bereits vom Gayby-Boom.

 Von ANNIKA ROSS

Wenn Fabian in der Schule gefragt wird: „Na, wer ist denn deine Mama“, dann grinst er, zeigt auf Anne und Heike und sagt „Such dir eine aus!“. Fabian ist acht Jahre alt, lebt in Berlin Charlottenburg, ist leidenschaftlicher Hertha-Fan, begnadeter Handballer und ausserdem ein Regenbogenkind. Seine Eltern sind lesbisch. Anne ist seine Mama, Heike seine Mami. Und wenn er sauer ist, nennt er sie beide Mutter. Fabian weiss, dass seine Eltern nicht der Norm entsprechen, viele Menschen seine Familienverhältnisse nicht so selbstverständlich finden wie er. Verdutzte Blicke und Tuscheleien hinter seinem Rücken kennt er zur Genüge: „Mittlerweile ist mir das egal. Früher haben mich die Jungs aus den höheren Klassen oft damit geärgert. Meine Klassenkameraden finden meine Mütter aber inzwischen ganz cool. Wir sind oft zum Spielen bei uns daheim.

Fabian war eine schwere Geburt – nicht sein Auf-die-Welt-Kommen, das dauerte nur vier Stunden, aber seine Entstehung. „Lesbische Paare kommen leider nicht wie die Jungfrau zum Kinde, da sind schon einige Mühen gefragt“, weiss Anne. Sie und Heike haben lange überlegt, wie ihr Kind zu Stande kommen soll. „Adoptieren, Samenbank oder doch lieber von einem gutem Freund – jede Variante hat Vor- und Nachteile“, wie Heike weiss. Die beiden haben sich dann für die Variante guter Freund entschieden. Adoptieren war zu kompliziert, die Samenbank zu anonym. Wenn ihn jemand fragt, wer sein Vater ist, sagt Fabian meist kurz und knapp: Klaus. Aber Klaus hat ihn eigentlich nur in die Wege geleitet. „Klaus ist ein guter Freund von Mama. Er besucht uns auch manchmal oder wir gehen zum Handball“, erzählt er. Wenn er irgendwelche Probleme hat, geht er zu seinen Eltern. Anne und Heike haben mit Klaus abgemacht, dass er so viel Vater sein kann, wie er will. „Als wir ihn vor neun Jahren gefragt haben, ob er uns mit etwas sehr Wichtigem aushelfen würde, dachte er, wir bräuchten Geld. Als wir ihm dann sagten, dass es uns mehr um seine Y-Chromosomen geht, hat er sich gebauchpinselt gefühlt und schnell dazu bereiterklärt“, erinnert sich Heike. Die drei haben sich einen Arzt gesucht, der die Insemination, die Befruchtung, vornimmt. Au§erdem haben sie beim Anwalt festgehalten, dass Klaus das Kind frei gibt. „Man muss das alles ganz pragmatisch klären. Menschen ändern sich“, erzählt Anne. Als Rechtsanwältin mit Schwerpunkt Familienrecht kennt sie sich aus. Heike ist von Beruf Lehrerin.

Damals war schnell klar, dass Anne das Kind bekommen wird, und nach dem dritten Versuch hat es auch geklappt. Fabian war unterwegs, Anne und Heike überglücklich. „Finanziell standen wir ganz gut da, aber das ist ja nicht alles. Wie wird er später in der Schule klarkommen, wird er einen Vater vermissen, wie reagieren seine Freunde?“, erinnert sich Anne. „Heute wissen wir, dass die Gesellschaft manchmal viel weiter ist als die Politik. So viele Dinge, über die wir uns den Kopf zerbrochen haben, sind gar nicht passiert. Das mag in ländlichen Gegenden anders sein, aber in Berlin haben wir im Alltag wirklich keine Probleme“, meint Heike.

Ähnliche Erfahrungen macht Silke aus Leipzig mit Sohn Maxim (2). In ihrer Regenbogenfamilie sind mittlerweile sogar die Grosseltern und Urgrosseltern vom bunten Familienmodell überzeugt: „Meine Eltern dachten immer, dass sich Enkelkinder erledigt hätten. Mein Vater hat das Ganze sehr kritisch gesehen. Doch kaum war Maxim auf der Welt, waren alle Sorgen und Bedenken wie weggefegt.“ Seinem Enkel zuliebe ist Opa Thomas sogar eine Art Hausmeister in Maxims Kita geworden. „Ich habe gemerkt, dass die Mutter-Vater-Kind-Familie nicht alles ist. Ich bin sehr stolz auf Maxim, genau wie auf seine beiden Mamas“, strahlt der 61-Jährige. Selbst Thomas Eltern (94 und 88) sind mit Urenkel Maxim und dem bunten Familienmodell überglücklich.

Der Alltag gestaltet sich für Silke unproblematisch. „Leipzig ist eine tolerante und offene Stadt. In der Kita werden wir voll akzeptiert. Man muss natürlich von Anfang an mit offenen Karten spielen und darf sich nicht verstecken“, berichtet die 36-jährige Marketing-Managerin.

Und die farbenfrohen Familien sind längst keine Seltenheit mehr. Professor Wassilos Fthenakis vom bayerischen Staatsinstitut für Frühpädagogik und Familienforschung in München schätzt die Zahl der Regenbogenfamilien auf nahezu eine Million. In Fachzeitschriften und Szeneblättern ist gar von einem Gayby-Boom die Rede. Auch Professor Udo Rauchfleisch geht in seinem Buch „Lesbische Mütter und Kinder“ von ungefähr 650 000 Regenbogenkindern aus.

Heike und Anne kennen weitere sieben Paare in ähnlicher Konstellation. Für sechs von ihnen war es ein weiter Weg zur Wiege, denn für gleichgeschlechtliche Paare ist es in den letzten Jahren bedeutend schwieriger geworden, ein Kind zu bekommen. Adoption kommt kaum in Frage. Zu viele heterosexuelle Paare warten ebenfalls auf ein Kind und entsprechen besser der Norm deutscher Familienpolitik. Eine Auslandsadoption ist ebenfalls mit vielen undurchsichtigen Begleiterscheinungen behaftet. Bis zum Jahr 2005 war das Baby von der Samenbank eine beliebte Methode, die Rechtslage relativ entspannt. Nur stellte sich plötzlich die Bundesärztekammer quer. Obwohl nie eine Klage auftauchte, warnte die Kammer Gynäkologen davor, die so genannte Insemination bei lesbischen Frauen vorzunehmen, da diese sie sonst auf Unterhalt verklagen könnten, sozusagen als Verursacher des Babys. Abstrus nur: bei verheirateten Frauen, die beispielsweise einen impotenten Partner haben, gilt diese Regelung nicht (obwohl der Arzt auch hier der Verursacher wäre).

„Deutschland ist im Vergleich zu vielen anderen Ländern sehr rückschrittlich. Belgien, die Niederlande, Skandinavien sind viel weiter. Selbst einige Staaten der USA stellen homosexuelle und heterosexuelle Paare mit Kindern rechtlich völlig gleich“, erklärt Elke Jansen, Leiterin des bundesweiten Projektes „Regenbogenfamilien“ des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD) in Deutschland. Ihrer Meinung nach kommt noch eine gehörige Doppelmoral dazu: „Wirklich paradox ist doch, dass bundesweit gleichgeschlechtliche Paare von Jugendämtern als Pflegeeltern mit offenen Armen empfangen werden. Sie gelten als erfahren mit der Bewältigung ungewöhnlicher Lebenssituationen, besonders motiviert und speziell geeignet, Kinder gegen Diskriminierungen und Grenzüberschreitungen stark zu machen.“

Bleibt für viele Paare also hauptsächlich das selbstgemachte Baby. Gute Freunde erklären sich zum Spenden bereit, auch sind Queer-Family-Konstellationen stark im Kommen: Ein schwules und ein lesbisches Elternpaar teilt sich die Elternschaft. Die grö§ten Probleme gibt es oft bei schwulen Pärchen, deren Aussicht auf ein eigenes Kind mehr als gering ist. Clemens und Harry sind beide erst Mitte 20, wissen aber schon jetzt, dass sie irgendwann gerne Nachwuchs hätten. „Ich bin oft der Babysitter für meine Nichte. „Mich macht es traurig, dass es für uns sehr schwierig sein wird, ein Kind zu bekommen. Unbewusst habe ich meine Drei-Fragezeichen-Hörspiel-Sammlung und ein paar Bausätze von Lego-Technik aufgehoben. Langsam wird mir klar, dass ich sie vielleicht nie meinem eigenen Kind schenken werde und auch sonst nichts weitergeben kann.“

Seine Bedenken sind begründet. Schon rein rechtlich befinden sich Regenbogenfamilien im Niemandsland. Der LSVD setzt sich vehement für eine Verbesserung der rechtlichen Situation von Regenbogenfamilien ein. Besonders in Sachen finanz- und steuerrechtliche Gleichstellung, gemeinsames Adoptions- und Sorgerecht und beim Rechtsanspruch auf Zugang zur Samenbank besteht Handlungsbedarf. Eingetragene Lebenspartner auch mit Kindern werden steuerlich wie Alleinstehende behandelt und die kinderbezogenen steuerlichen Vergünstigungen kommen nur dem rechtlichen Elternteil zugute. Im Durchschnitt haben sie 400 Euro pro Monat weniger zur Verfügung als die deutsche Durchschnittsfamilie. Auch ein gemeinsames Adoptionsrecht wird eingetragenen Lebenspartnern bislang verwehrt.

Vereine wie die Leipziger Queerkids beraten gleichgeschlechtliche Eltern mit Kinderwunsch bei der Umsetzung. „In Regenbogenfamilien gibt es meist kein Generationenlernen, die Vorbilder fehlen. Daher ist es wichtig, dass sich die Familien untereinander austauschen, Networking betreiben“, rät Isabelle Wey, die den Verein 2005 gegründet hat und rund 1000 Leipziger Familien berät. Um die 50 von ihnen treffen sich monatlich in Leipzig, diskutieren über Erziehungsfragen, rechtliche Absicherungen und natürlich stolz über ihren Nachwuchs.

Sie alle bringen in gewisser Weise das letzte Argument ins Wanken, mit dem bislang die vollständige Gleichstellung homosexueller Paare verhindert wird: Die Ehe sei verfassungsrechtlich geschützt, weil sie Mann und Frau bei der Gründung einer Familie absichern soll. „Es wollen so viele Paare eine Familie gründen, nur wird ihnen das in Deutschland so schwer gemacht. Und das, wo allerorts von einer Vergreisung der Gesellschaft gesprochen wird und Kinder wegen überforderter Eltern sterben müssen. Regenbogenkinder sind absolute Wunschkinder. Das alles ist schon paradox“, meint Anne aus Berlin. Anne, Heike und Fabian sind eine Familie, zwar ohne Papa, ohne Trauschein und ohne Steuerklasse drei, aber dafür mit viel Liebe und einem glücklichen Kind.


Hintergrund: Regenbogenfamilien

In Deutschland gibt es nahezu eine Million Regenbogenfamilien, also solche mit Kindern gleichgeschlechtlicher Eltern. Neben sozialer ist auch oft eine rechtliche Beratung gefragt. Diverse Vereine und Gruppen sind in solchen Fällen kompetente Ansprechpartner.

Queerkids: Leipziger Verein für Lesben und Schwule mit Kinderwunsch, Beratung und Betreuung
@www.queerkids.de

Projekt Regenbogenfamilien: Hotline 0221 92596126 (mittwochs zwischen 17 und 19 Uhr)
@www.family.lsvd.de

Literatur: „Lesbische Mütter und Kinder“, als Online-Familienbuch unter
@www.familienhandbuch.de (Elternschaft/Besondere Formen von Elternschaft)

Leipziger Volkszeitung, 29./30. März 2008

 

Fröhlicher Zug mit ernstem Anliegen
Demo durch City krönt Christopher Street Day

„Wir sind laut und bunt – und wir sind vieeele!“ Die Megaphonansage wurde immer wieder mit Trillerpfeifen, Trommeln und auf und ab wirbelnden Regenbogenfahnen am Samstag beantwortet, als 800 bis 1000 Leipziger Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle sowie ihre Freunde durch die City zogen. Die Demo – auch Bürgermeister Heiko Rosenthal hatte sich eingefunden – krönte die Leipziger Christopher-Street-Day-Woche 2007, die zuvor einen Veranstaltungsmix aus den Bereichen Politik, Kultur und Party geboten hatte. Motto: „Gleiche Chancen für gleiche Liebe“.

Bei diesem Umzug am Samstag nochmals präsent zu sein, war für viele einfach ein Muss. So etwa für die Berlinerin Marita Weber. „Bei euch geht es zwar nicht ganz so schrill und bunt wie bei unserer Loveparade zu. Aber eigentlich finde ich es auch gut, dass die Leipziger mit ihrer Demo eher unsere politischen Anliegen der Öffentlichkeit rüberbringen“, so die Berlinerin, die mit ihrer Leipziger Freundin gekommen war. Um diese „Anliegen“ ging es denn auch Mike Skrowny und Jürgen Lutterroth. „Zum einen wollen wir einfach aller Welt zeigen, dass wir ganz normale Menschen sind, die sich lieben und die gleiche Rechte und Pflichten haben möchten, wie sie hier zu Lande für Mann und Frau gelten. Denn das ist längst noch nicht so“, so das Duo. Eine Diskriminierung beispielsweise hätten sie erst wieder vor vier Wochen erlebt, als sie den Bund fürs Leben schlossen. „Für genau die gleiche Zeremonie auf dem Standesamt, wie sie auch Frau und Mann erleben, mussten wir bei der Besiegelung unserer Lebenspartnerschaft zehn Euro mehr Gebühren bezahlen.“

Solch kleinere, aber auch richtig grasse Ungleichbehandlungen prangerten denn im Demo-Verlauf zahlreiche Redner an. So kritisierten die Bundestagsabgeordneten Monika Lazar (Grüne) und Barbara Höll (Linke) die Unzulänglichkeiten für Betroffene im Lohn-, Einkommens- sowie Erbschaftssteuerrecht. Sie wollen sich mit ihren Fraktionen im Bundestag auch weiterhin stark gegen diese Diskriminierungen machen. Auch Leipzigs SPD-Chef Gernot Borriss sicherte Unterstützung zu. Isabelle Wey vom Landesvorstand des Lesben- und Schwulenverbandes machte dann unter anderem noch auf die Situation für Lebenspartnerschaften mit Kindern aufmerksam. „Lebenspartnerschaften können nicht wie Ehepaare ein Kind gemeinschaftlich adoptieren. Und jene mit Kindern werden häufig bei kommunalen Einrichtungen nicht als Familie anerkannt und kommen somit auch nicht in den Genuss von speziellen Familienpreisen“, sagte sie.

Der Demo, deren Start- und Endpunkt der Nikolaikirchhof war, schloss sich ein buntes Programm an. Am Abend feierten schlie§lich 1000 Menschen bei der offiziellen Abschlussparty „Prideball“ im Hauptbahnhof. „Wir sind froh, heute ein deutliches Zeichen für mehr Toleranz und Gleichberechtigung gesetzt zu haben“, freute sich letztlich Daniel Gollasch vom CSD-Organisationsteam.
Angelika Raulien

Leipziger Volkszeitung, 23.07.2007



Für Familientag läuft die Anmeldung

Zu einem überregionalen Familientag lädt die Leipziger Gruppe Queerkids
ein. Am Samstag, den 12. Mai, sind Lesben und Schwule mit Kindern oder Kinderwunsch sowie weitere Interessierte ab 14 Uhr im Verein Frauenkultur, Windscheidstra§e 51, willkommen. Im Anschluss an Kaffee und Kuchen steht um 15 Uhr ein Vortrag samt Diskussion zum Thema "Alltäglich anders? Regenbogenfamilien im Spiegel von Forschung und Beratung" an. Referentin ist Elke Jansen vom Projekt Regenbogenfamilien im Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD).

Sie wird der Frage nachgehen, wie sich Kinder in dieser Familienform
entwickeln, wie es um die Situation von rechtlichen und sozialen
Elternteilen steht und mit welchen Diskriminierungserlebnissen oder
Vorurteilen sich Regenbogenfamilien auseinandersetzen müssen. Gegen 17 Uhr
könne der Austausch dann beim gemeinsamen Grillen fortgesetzt werden, hie§
es. Für eine Kinderbetreuung am Nachmittag×sei auch gesorgt.

Das Abendprogramm beginnt dann um 20.30 Uhr mit dem Film "Popcorn Chutney" - eine amerikanisch-indische Co-Produktion von Regiedebütantin Nisha Ganatra über die lesbische Reena, die ihrer Schwester als Leihmutter zum Kind
verhelfen will. Anschlie§end klingt die Veranstaltung mit einer Party aus.

Unterstützt wird der Queerkids-Familientag von der Frauenkultur, dem Referat
für Gleichstellung der Stadt Leipzig sowie dem LSVD Sachsen. Der Eintritt
kostet an der Tageskasse fünf Euro, im Vorverkauf drei. Anmeldung bis zum 4.
Mai per E-Mail unter info@queerkids.de oder telefonisch unter 0341/49 25 894
bei Isabelle Wey.

Doch abgesehen vom Familientag: Queerkids versteht sich als offene Gruppe
für Lesben und Schwule mit Kindern oder Kinderwunsch. Sie bietet an der
Plei§e eine Plattform für Infos, Beratungen und Erfahrungsaustausch. Mit
monatlichen Treffen sowie weiteren Aktionen und Projekten sollen ein
Netzwerk für Interessenten geschaffen sowie die Akzeptanz und die
rechtlichen Rahmenbedingungen für Regenbogenfamilien verbessert werden. 60
Frauen und Männer haben das Angebot von queerkids bislang wahrgenommen.
Weitere Infos unter www.queerkids.de. A. Rau.

Leipziger Volkszeitung, 03.05.2007



614 Briefe gegen die Ungerechtigkeit

Leipziger wollen Bundestagsabgeordneten Probleme mit Lebenspartnerschaftsgesetz nahe bringen

Grosses Briefe-Eintüten an der Pleisse: Am Freitag sollen sämtliche 614 Bundestagsabgeordneten in Berlin persönlich ein Schreiben erhalten, in dem sie auf die nach wie vor bestehende Ungleichbehandlung zwischen Eheleuten und jenen, die sich per Lebenspartnerschaftsgesetz verbandelt haben, aufmerksam gemacht werden. Eine konzertierte Aktion, wie sie den Parlamentariern an der Spree zu diesem Thema wohl aus noch keinem Bundesland auf den Tisch schneite.

„Die Initiative dazu ergriff die Vorbereitungsgruppe des 13. Leipziger Lesbentreffens, das letzte Woche stattgefunden hatte“, erzählt Leipzigs gleichstellungspolitische Referentin Kathrin Darlatt. Sie unterstützt die Gruppe, zu der Mitarbeiterinnen des Vereins Frauenkultur und entsprechender weiterer Verbände gehören. „Anlass für den offenen Brief war während des Treffens eine heftige Diskussion über die Vor- und Nachteile des seit 2001 gültigen Lebenspartnerschaftsgesetzes, vor allem für lesbische beziehungsweise schwule Paare mit Kindern“, so Darlatt. Dabei sei deutlich geworden, dass Lesben und Schwule, wenn sie denn den Bund fürs Leben schliessen, gegenüber Ehepaaren immer noch arg das Nachsehen haben. „Und obwohl sich das Bundesverfassungsgericht 2002 eindeutig für die Gleichstellung aussprach, blieb die Situation auch nach der Überarbeitung des Gesetzes 2005 unbefriedigend“, sagt Darlatt.

In Leipzig jedenfalls wachse der Unmut unter den Betreffenden. Immerhin leben hier schätzungsweise 30 000 Schwule und Lesben, gaben sich allein auf dem Standesamt von Oktober 2005 bis zum jetzigen 10. Oktober 44 ihrer Paare das Ja-Wort. Andere heirateten in Regierungspräsidien, von denen jedoch keine Statistik vorliegt. In ihren Berlin-Briefen verweisen die Leipziger Akteure nun unter anderem…

… auf die Berechnung des Leistungsentgelts für Arbeitslose, wo für den Abzug der pauschalierten Lohnsteuer die Lohnsteuerklasse zugrunde gelegt wird, die auf deren Lohnsteuerkarte vermerkt ist. Wer in einer Lebenspartnerschaft lebt, erhält indes keine andere Steuerklasse, wird durch diese Regelung beim Arbeitslosengeld benachteiligt.

… auf weitreichendere Auswirkungen bei der Grundsicherung für Arbeitssuchende (Alg II), wenn bei Feststellung der Hilfebedürftigkeit eines Antragstellers auch das Einkommen der Partnerin/des Partners berücksichtigt wird. Dieses wird in voller Höhe mit eingerechnet, ist aber steuerlich nicht – wie in einer Ehe – absetzbar.

… darauf, dass eingetragene Lebenspartner keinen Anspruch auf das einkommensteuerrechtliche Splitting-Verfahren, sprich das so genannte Ehegattenveranlagungswahlrecht haben.

… darauf, dass diese Lebenspartner ein Kind nicht gemeinschaftlich adoptieren können.

… darauf, dass die Erfüllung des Kinderwunsches gleichgeschlechtlichen Paaren im Vergleich zu Eheleuten durch die Richtlinie der Bundesärztekammer verweigert wird. Die besagt: Es gibt kein positives Recht auf nichteheliche Fortpflanzung (Es heisst dort zu Beispiel, im Hinblick auf das Kind verbiete es sich, einer alleinstehenden Frau oder gleichgeschlechtlichen Paaren einen Kinderwunsch zu erfüllen; die Samenspende wird als Therapieform zur Behandlung von Sterilität der Ehe verstanden).

… darauf, dass Ehegatten im Erbfall ein steuerlicher Freibetrag von 307 000 Euro zusteht, Lebenspartnern dagegen nur einer von 5200 Euro.

… und auch darauf, dass weitere Benachteiligungen bei der Besoldung und Versorgung von Beamten, bei einer Reihe von Ausbildungsverordnungen, beim Konsulargesetz und dergleichen mehr bestehen.

Die Leipziger meinen: Es besteht keinerlei Grund, die „Eingetragene Lebenspartnerschaft“ nicht gleichzustellen. Der gesellschaftliche wie auch der traditionelle Status der Ehe zwischen Frau und Mann werde dadurch in keiner Weise diskreditiert oder gar beschädigt. Um alle Bundes-Parlamentarier dafür zu sensibilisieren, werden die Briefe jetzt der Leipziger Bundestagsabgeordneten Monika Lazar (Bündnisgrüne) übergeben, die sie in Berlin allen Adressaten zuleiten wird. Angelika Raulien

Leipziger Volkszeitung, 25.10.2006



queerkids treffen sich wieder

Lesben und Schwule mit Kindern beziehungsweise mit Kinderwunsch sind beim nächsten Treffen der Gruppe „queerkids“ willkommen. Zu Gast sein wird Katrin Sohre, die Gleichstellungspolitische Referentin der Stadt Leipzig. Sie wird zur Situation der so genannten Regenbogenfamilien in Leipzig, Stiefkindadoption und anderen Themen Rede und Antwort stehen. Das Treffen findet am 12. August um 15.30 Uhr im Café „nebenan“ in der Könneritzstrasse 95, Ecke Oeserstrasse in Schleussig statt. A. Rau.

www.queerkids.de

Leipziger Volkszeitung, 01.08.2006



 „Was kann an Liebe schon falsch sein?“

Leipziger Christopher Street Day geht mit Demo-Zug durch die City zuende

Enttäuschung am Strassenrand: „Mensch, in Berlin ist der DSD viel viel bunter und schriller“, moniert Zuschauerin Marie Berg (27), als der City-Umzug der Leipziger Lesben und Schwulen am Sonnabend den Abschluss des hiesigen Christopher Street Day (CSD) 2006 krönt. Unter den 500 Teilnehmern bringt die bei solch Anlass in der Hauptstadt zur Schau getragene Partylaune und Lebensfreude eigentlich nur ein Pärchen per Paradiesvogel-Outfit zum Ausdruck. Alle anderen – zumeist der jüngeren Generation angehörend – kommen in Jeans und Shirts daher. Teils haben sie Kunstblumenketten umhängen, Regenbogenflaggen und Luftballons dabei. Mit Musik und Trillerpfeifen verschaffen sie sich hingegen lautstark Gehör. Die Leipziger Paradefreunde sehen die Sache etwas ernster als die Berliner.

„Wir sind hier, weil in diesem Land noch viele Forderungen unerfüllt sind, um wirklich gleichberechtigt leben zu können“, sagen Andreas-Michael (46) und Klaus (50). „Wir möchten allen zeigen, dass wir Menschen wie du und ich sind und die Mehrzahl keines der gängigen Klischees bedient“, ergänzt Marco (39). „Es gibt nicht nur den schwulen Friseur und Kellner. Auch Handwerker, Maurer – unter allen Berufsgruppen eben“, ergänzt Lebenspartner Matthias (47). Er zum Beispiel sei Klavierbauer, sein Freund Redakteur in einem Verlag. Und Studentin Katharina Rotha (24) nebst Partnerin Katarzyna Kausa (21) erklären simpel: „Uns geht es um die Toleranz in der Gesellschaft. Und was kann schliesslich an Liebe schon falsch sein.“

Eine Botschaft, die letztlich bei den Passanten in der City positiv ankommt. Etwa bei TV-Moderator Peter Escher. Als Freiluftcafé-Besucher ruft er den von der LVZ im Peterssteinweg gestarteten, via Thomaskirche gen Markt ziehenden Umzüglern ermunternde Worte zu. Auch Politiker wie Europaparlamentarierin Gisela Kallenbach (Bündnisgrüne) bekunden ihren Beistand. Die Bundestagsabgeordneten Monika Lazar (Bündnisgrüne) und Barbara Höll (Linkspartei) sagen in kurzen Ansprachen zu, gegen Unzulänglichkeiten beim Lebenspartnerschaftsgesetz, im Steuer-, Adoptions- und Passgesetz weiter zu streiten, weil da sexuell anders orientierte Menschen noch benachteiligt werden. Und Gernot Borris vom SPD-Landesvorstand will der Stadt auf die Finger schauen, die in puncto Familienfreundlichkeit „nicht schematisch“ vorgehen dürfe. Schliesslich seien auch Homosexuelle Eltern. FDP-Europaabgeordneter Holger Krahmer versichert, sich gegen die Unterdrückung Homosexueller im EU-Land Polen stark zu machen, auf deren schwierige Lage dieser CSD hinwies. Dessen Sprecher Dirk Bockelmann ruft denn auch die Demonstranten auf, Solidarität mit den polnischen Gefährten zu zeigen und zu deren CSD-Demo am 10. Juni nach Warschau zu reisen.

Auf dem Augustusplatz findet der dreistündige Umzug Samstag dann sein Ende. Insgesamt wurden laut Veranstalter beim CSD 2006 in Leipzig, der eine Woche lang unter dem Motto „Liebe Deine Nächsten“ zu kulturellen, politischen und informativen Veranstaltungen einlud, 5000 Besucher gezählt. Im Vorjahr waren es 2000. Sprecher Bockelmann wertet es diesmal als besonderen Erfolg, dass erstmals am Rathaus das Symbol, die Regenbogenfahne, gehisst werden durfte – wenn auch nur am Hintereingang (die LVZ berichtete). Aber: „Wir können sagen, dass die Stadt Leipzig gerade durch dieses Bekenntnis eine Art Coming-out durchlebt. Das ist aber noch mit vielen Selbstzweifeln behaftet, vor allem in dem Punkt, wie öffentlich denn nun die Unterstützung für Lesben, Schwule und Transgender ausfallen darf“, so Bockelmann. Angelika Raulien

Leipziger Volkszeitung, 29.05.2006



DREI FRAGEN AN …

… Dirk Bockelmann (42), Sprecher der Leipziger Aktionswoche zum Christopher Street Day, die an diesem Sonnabend um 13.30 Uhr mit einem Strassenfest auf dem Nikolaikirchhof beginnt.

Erstmals wird die Regenbogenfahne, das Symbol der internationalen Homosexuellen-Bewegung, am Rathaus hängen. Was bedeutet das für Sie?

Das ist ein grosser Fortschritt für uns, ein Signal, dass die Stadt ein öffentliches Zeichen setzt. Es zeigt die Anerkennung, dass wir wahrgenommen werden.

CSD-Paraden sind vor allem schrill, bunt und laut, mit viel nackter Haut und Männern in Fummel. Ein Fest für Spassvögel und Selbstdarsteller?

Dieses Bild ist den Medien geschuldet, weil sie gerne diese Klischees raussuchen. Natürlich freut es uns, wenn es schrill zugeht und Spass macht. Aber wir wollen auch ernsthafte Dinge rüberbringen. Unser Motto in diesem Jahr ist: Liebe Deine Nächsten. Zum Beispiel unsere osteuropäischen Nachbarn. In Polen hat sich die Situation für Lesben und Schwule dramatisch verschärft, seit dort eine rechtsnationale Regierung an der Macht ist. Politiker fordern dort sogar dazu auf, Lesben und Schwule zu verprügeln. Bei uns werden wir gerade von konservativer Seite häufig für den Verfall von Werten, Ehe und Familie haftbar gemacht. Das wollen wir auf unseren Veranstaltungen in dieser Woche unter anderem diskutieren. Es ist ja so, dass wir der Gesellschaft durchaus Werte geben, im Sinne von Solidarität zeigen oder füreinander einstehen. Andererseits leben Lesben und Schwule in islamischen Ländern zum Teil in Lebensgefahr. Im Iran muss man damit rechnen, gesteinigt zu werden.

Wie erleben Sie die Situation von Lesben und Schwulen in Leipzig?

Diskriminierung findet unterschwellig statt. Viele haben Probleme bei der Arbeit, haben Angst, sich zu outen oder davor, gemobbt zu werden. Wir kämpfen um eine gesamtgesellschaftliche Anerkennung. Wir wollen eine steuerliche Gleichbehandlung der eingetragenen Lebenspartnerschaft. Es ist nicht einzusehen, wieso kinderlose Eheleute vom Ehegattensplitting profitieren, Lebenspartnerschaften aber nicht. Ebenso wenig können wir akzeptieren, dass Lesben, Schwule und Behinderte vom Antidiskriminierungsgesetz in Teilen ausgenommen werden sollen. Und nicht zuletzt: In den Lehrplänen an sächsischen Schulen muss eine moderne, lebensweltbezogene Sexualpädagogik berücksichtigt werden.
Interview: Klaus Staeubert

Leipziger Volkszeitung, 20.05.2006



Bei RosaLinde: Gruppe trifft sich in „Grüner Tomate“

Seit einem halben Jahr trifft sich die Gruppe Queer Family in den Räumen des Leipziger Vereins RosaLinde am Brühl. Bei den monatlichen Treffen werden, wie berichtet, Themen rund um den lesbisch-schwulen Kinderwunsch besprochen. „Wie sich herausstellt, ist das Interesse an der Gruppe sehr gross. Mittlerweile nehmen bis zu 25 Erwachsene und einige Kinder an den Zusammenkünften teil“, teilt Specherin Susanne Hampe jetzt mit. Da die Räume bei RosaLinde allerdings nur wenig kindgerecht ausgestattet sind, soll der nächste Termin am 11. März um 15.30 Uhr daher nun im Café „Grüne Tomate“, Härtelstrasse 27 (Eingang Peterssteinweg) stattfinden.

Inhaltlich geht es dann um Überlegungen, ob sich die  Queer Family der Organisation ILSE – sprich „Initiative lesbischer und schwuler Eltern“ – anschliessen mag, unter deren Dach sich Interessengruppen aus ganz Deutschland versammeln. Wer zu diesem Termin verhindert ist, aber trotzdem Interesse an der Gruppe und zum Thema hat, kann auch unter beratung@rosalinde.de mehr Infos erhalten. A. Rau.

Leipziger Volkszeitung, 08.03.2006



Queer Family: Debatte um Kinderwunsch wird fortgesetzt

Die offene Gruppe Queer Family beschäftigt sich derzeit bei ihren Treffen mit Fragen rund ums Thema „Lesben, Schwule und Kinderwunsch“ (LVZ berichtete). Am morgigen Samstag um 16 Uhr sollen nun bei RosaLinde, Brühl 64/66, die Kinder selbst im Mittelpunkt stehen. Die habe es in lesbischen und schwulen Partnerschaften schon immer gegeben – in der Regel aus früheren heterosexuellen Beziehungen eines Partners, hiess es.

„Durch technische Entwicklungen und die zunehmende Toleranz in der Gesellschaft ist es homosexuellen Paaren mittlerweile möglich, ihren Kinderwunsch gemeinsam und in ihrer Partnerschaft zu realisieren“, sagt Susanne Hampe, Sozialarbeiterin des RosaLinde-Vereins. Sie sieht jedoch noch Nachholbedarf bei der wissenschaftlichen Betrachtung dieses Themas. Es existiere eine grosse Bandbreite an Meinungen zu lesbischer oder schwuler Elternschaft. Während die einen eine massive Gefährdung des Kindeswohls witterten, hielten andere lesbische und schwule Paare für besonders gute Eltern, da ihre Kinder in der Regel Wunschkinder sind. „Die Debatten sind moralisch aufgeladen und man weiss nicht, wem man glauben soll. Das verunsichert. Lesben und Schwule wollen ihren Kinderwunsch schliesslich nicht auf Kosten der Kleinen realisieren“, so Hampe.

Die Queer Family versuche, Licht ins Dunkel zu bringen. Auf dem Treffen werden Erfahrungen und Berichte gesammelt und diskutiert. Interessenten sind willkommen. A. Rau.

Leipziger Volkszeitung, 25.11.2005



Bei RosaLinde: Diskussion über Kinderwunsch

Die Gruppe „Queer Family“ lädt für Sonnabend 16 Uhr ins Café des Vereins RosaLinde, Brühl 64/66, ein. Es werde um das Thema „Anonyme Samenspende?“ gehen, heisst es. Denn selbstverständlich wollten viele Lesben, Schwule und Bisexuelle im Leben nicht auf Kinder verzichten. Der Weg dahin sei für sie – und insbesondere für Schwule – alles andere als leicht. Oftmals machten moralische und soziale Bedenken zu schaffen. Die Gruppe „Queer Family“  setzt sich mit diesen Dingen auseinander. Bei ihr treffen sich Lesben, Schwule und Bisexuelle mit Kindern oder mit Kinderwunsch, um sich auszutauschen.

Beim Treff der Gruppe am 22. Oktober wird darüber diskutiert, welche Argumente für und gegen eine anonyme Samenspende sprechen. Wer zum Termin verhindert ist, aber trotzdem Interesse an der Gruppe hat, melde sich bei Susanne Hampe unter beratung@rosalinde.de oder Telefon (0341) 1 49 93 60.
A. Rau.

Leipziger Volkszeitung, 20.10.2005